Stadtarchiv - Stationen einer Katastrophe

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, die Vorgeschichte dieser Katastrophe und erst recht ihr Nachspiel waren nicht nur der unmittelbare Anlass für unser Engagement. Sie zeigen auch beispielhaft, welche schrecklichen Konsequenzen Inkompetenz, Schleifenlassen von Verantwortung und die Undurchsichtigkeit von Entscheidungsprozessen für unsere Stadt haben können. Sie zeigen, warum Verantwortungsbewusstsein und Transparenz in Rat, Verwaltung und kommunaler Wirtschaft unsere zentralen Forderungen sind.
Inzwischen scheinen viele Beteiligte darauf zu hoffen, dass ihre Rolle in Vergessenheit gerät. Auf der letzten Sitzung des alten Rates vor den Kommunalwahlen stand die Frage der Verantwortung für die Katastrophe nicht einmal mehr auf der Tagesordnung. Über die beiden Todesopfer wurden ohnehin in der Kölner Lokalpresse weniger Worte verloren, als über die „glückliche Rettung von Kater Felix".

Deshalb ist es uns wichtig, die Begleitumstände der Katastrophe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wir möchten die Erinnerung an das Geschehene und das Andenken an die Todesopfer wachhalten.

 

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs – eine Katastrophe mit Ansage

  • Die KVB erhält vom Rat den Auftrag zum Bau der neuen U-Bahn

  • Übergangene Warnsignale

  • Fragwürdige technische Kompetenzen

  • Undurchsichtige Strukturen und Weigerung, Verantwortung zu übernehmen

  • Abgabe kommunaler Kontrolle über Aufgaben des Gemeinwesens

Die KVB erhält vom Rat den Auftrag zum Bau der neuen U-Bahn

Am 20.12.2001 beschließt der Rat der Stadt Köln:
„Der Rat erklärt sich grundsätzlich damit einverstanden, dass die Realisierung des Projektes Nord-Süd-Stadtbahn durch die KVB-AG erfolgt, und beauftragt die Verwaltung, mit dem Unternehmen entsprechende Verhandlungen über die Umsetzung des Projektes aufzunehmen… In den Verträgen ist sicherzustellen, dass die neu zu gründende Fahrweggesellschaft Köln/Bonn (FGKB) mit den Bau- und Planungsarbeiten beauftragt wird bzw. – solange die Gesellschaftsgründung noch nicht vollzogen ist – das Amt für Brücken- und Stadtbahnbau.“

Zwar hat die KVB noch nie eine U-Bahn gebaut, aber der Rat stimmt diesem Antrag einstimmig zu.

Zur Gründung der „Fahrweggesellschaft Köln/Bonn“ kommt es nie. Stattdessen beschließt der Rat am 16. Mai 2002, wiederum einstimmig: „Der Rat beauftragt die Verwaltung (…), mit der Kölner Verkehrsbetriebe AG (KVB) den Nord-Süd-Stadtbahnvertrag in der zu diesem Beschluss paraphierten Fassung (Anlage 2) zu schließen.“
Dieser Vertrag ist für die Öffentlichkeit nach unserem aktuellen Kenntnisstand nicht einsehbar. Welches Organ wann mit Zustimmung welcher Personen beschlossen hat, der KVB auch noch selbst die Aufsicht und Kontrolle über das Bauvorhaben zu übergeben, war bis zum Start dieser Website (30.06.09) für uns nicht festzustellen.

Übergangene Warnsignale

Am 29. September 2004 kippt der 44 Meter hohe Kirchturm der an der U-Bahn-Baustrecke gelegenen Kirche St. Johann Baptist plötzlich nach vorne. Er neigt sich um 77 Zentimeter, und in der Backsteinfassade treten überall Risse auf. In aller Eile wird das Gebäude durch Stahlträger abgestützt.

Dazu Heinrich Bökamp, beratender Ingenieur und Vizepräsident der Ingenieurkammer Bau NRW, in der WDR-Sendung WDR-Sendung „Die Story – Von Trümmern und Täuschungen“ am 04.05.09:
„Wenn sich ein Kirchturm schief stellt, dann ist das ja kein kleines Gebäude. Das ist ja ein sehr massives mit großen Gewichten versehenes Gebäude, was normalerweise auf kleine Bewegungen im Boden gar nicht reagiert. Da muss schon deutlich was im Boden passiert sein um überhaupt die Bewegung auslösen zu können. Da hätte man auf jeden Fall gucken müssen, was ist da die Ursache und ich würde mal davon ausgehen, dass man im Nachhinein die Ursache dafür gefunden hat.“

In der KVB-Spitze scheint man daraus allerdings keine Konsequenzen gezogen zu haben, wie Marc Steinhäuser bereits am Tag nach dem Einsturz des Stadtarchivs in ZEIT online schreiben wird: „Mitarbeiter aus der Unternehmensspitze haben sich schon vor drei Jahren Sorgen gemacht, ob weitere Gebäude absacken“, sagt ein ehemaliger KVB-Mitarbeiter aus dem Umfeld der Unternehmensführung zu ZEIT ONLINE. „Sie wussten, dass es die Gefahr gibt und haben gehofft, dass nichts passiert.“ Sollte die Spitze der KVB tatsächlich nach dem Motto „Augen zu und durch“ auf das „Prinzip Hoffnung“ gesetzt haben? Jedenfalls blieb dies nicht das letzte Warnsignal, das allem Anschein nach folgenlos verhallte.

Vor den Sommerferien 2008 informiert Eberhard Illner, damals Abteilungsleiter im Stadtarchiv, die Archivleitung über Setzrisse. Daraufhin geschieht ein halbes Jahr lang nichts.

Am 8. September 2008 gerät den Arbeitern der Grundwasserdruck in der 28 Meter tiefen U-Bahn-Baugrube am Kölner Waidmarkt - unmittelbar vor dem Historischen Archiv - außer Kontrolle. „Behinderung infolge erhöhten Wassereintrittes im Bereich des Brunnens B 3”, wird im Bautagebericht vermerkt. Einen Tag später melden die Ingenieurfirmen der KVB den Vorfall als „kleinen hydraulischen Grundbruch“ und kündigen „Mehrkosten“ sowie den Bau von zusätzlich sechs Brunnen zum Abpumpen des Grundwassers an.
Nach der Katastrophe wird die Kölner Umweltdezernentin Marlis Bredehorst eklatante Verstöße der am U-Bahn-Bau beteiligten Unternehmen beim Abpumpen des Grundwassers einräumen. Statt der genehmigten vier Brunnen waren an der Unglücks-Baugrube am Waidmarkt am Ende 15 Brunnen installiert worden. Pro Stunde wurden bis zu 750 Kubikmeter Wasser abgepumpt, obwohl lediglich 450 Kubikmeter erlaubt waren.

Der technische Vorstand der KVB Walter Reinarz erklärt dagegen laut Süddeutsche Zeitung noch am Mittwoch, den 11.03.09 (eine Woche nach der Katastrophe) dass die abgepumpte Wassermenge "auf der gesamten Strecke unterhalb des zulässigen Wertes gelegen habe".


Erst später bestätigen die KVB eine Recherche-Anfrage des Kölner Stadt-Anzeiger, dass die am U-Bahn-Bau beteiligten Firmen von den in der Ausschreibung vorgesehenen technischen Verfahren abgewichen seien.

Am 30. September 2008 stellt das Aachener Hochschulinstitut für Geotechnik im Bauwesen in einem 84-seitigen Abschlussbericht des Forschungsvorhabens „Sicherheitsnachweise für den Hydraulischen Grundbruch“ fest: Aufgrund der heterogenen Kölner Bodenverhältnisse und starker Wasserdruckdifferenz hätten sich die „üblichen Berechnungsverfahren“ für die Statik beim Kölner U-Bahn-Bau als „auf der unsicheren Seite liegend“ erwiesen. Die Anwendung „herkömmlicher Näherungsverfahren“ könne für die Einbindung der die Baugruben stützenden Schlitzwände „viel zu geringe Einbindetiefen“ ergeben. „Dadurch“, so heißt es in der Studie des Aachener Hochschul-Instituts, „können Situationen entstehen, welche nicht nur wirtschaftlichen Schaden mit sich bringen, sondern unter Umständen auch Menschenleben gefährden.“ (zitiert nach Süddeutsche Zeitung vom 18.03.2009).

Dies sind allgemeine Aussagen, die sich nicht ausdrücklich auf die Baugrube am Waidmarkt beziehen, allerdings, so das Internet-Portal koeln.de, das als digitale Plattform für Köln im Auftrag der Stadt Köln von NetCologne betrieben wird: „Brisant erscheint (…) die Tatsache, dass die Studie weder Stadt noch KVB bekannt war. Offenbar hatten die Baufirmen bei der Planung und Ausführung weitgehend freie Hand, eine Kontrolle durch den Auftraggeber scheint nicht stattgefunden zu haben.“

Im Dezember 2008 reagiert die Eigentümerin des Stadtarchiv-Gebäudes, die Gebäudewirtschaft Köln auf die vor den Sommerferien gemeldeten Schäden durch Beauftragung eines Gutachters. Trotz der zwischenzeitlich aufgetretenen Probleme im Untergrund der Baugrube wird mit der Begutachtung lediglich ein „Büro für Tragwerksplanung“ beauftragt, das nur die Standsicherheit des Gebäudes in sich beurteilen kann (vergleiche Gedeckelte Budgets für Gutachten?). An der Überprüfung am 18. Dezember nehmen eine Mitarbeiterin der Gebäudewirtschaft sowie vom Archiv der Hausmeister und eine Restauratorin teil, doch weder die Archivleiterin noch der Verwaltungschef.

Am 5. Januar 2009 liegt das Gutachten vor, ganze anderthalb Textseiten lang. Darin wird die Statik des Gebäudes in sich als ausreichend sicher bezeichnet. Da waren wir beruhigt“, sagte Bettina Schmidt-Czaia, die Leiterin des Archivs, am 11. März im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger. Auch Kulturdezernent Georg Quander und Oberbürgermeister Fritz Schramma haben sich mehrfach auf das „Gutachten“ berufen. Dabei wird in diesem selben Gutachten eingeräumt: „Um die genauen Ursachen für das unterschiedliche Setzungsverhalten herauszufinden, empfehle ich Ihnen, einen öffentlich anerkannten Sachverständigen für Bauwerksschäden einzuschalten.“ Der Vermerk verschwindet in den Akten der Stadt - nach Erkenntnis der Süddeutsche Zeitung „ohne erkennbare Konsequenzen“.

Dabei wären Konsequenzen dringend geboten gewesen, wie Andreas Rossmann in der FAZ vom 17.04.2009 darlegt. Er zitiert die Aussagen von Experten zur Interpretation des „Gutachtens“:
„Das ist ein Hilferuf. Wer so einen Hinweis gibt, der hat die Ursache nicht gefunden.“ (Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer Bau NRW)
„Ich verstehe den letzten Satz als dringende Empfehlung, die Ursache für das unterschiedliche Setzungsverhalten herauszufinden - insbesondere im Hinblick auf weitere Bauarbeiten“ (Heide Mantscheff, Anwältin für Bau- und Architektenrecht, um eine juristische Auslegung gebeten).
Stefan Polónyi, der als Doyen der Statiker in Deutschland gilt, spricht, so Andreas Rossmann, von einer „falschen Beurteilung der Situation“ und sagt, dass „der Empfänger des Schreibens sofort hätte aktiv werden müssen“, da sich dessen Verfasser offenbar überfordert gefühlt habe: „Wäre sofort ein Baugrundsachverständiger eingeschaltet worden, so hätte der die Chance gehabt, den Einsturz zu verhindern.“

Der Empfänger des Schreibens, die Gebäudewirtschaft der Stadt Köln, sah dazu keinen Anlass. Deren Geschäftsführender Betriebsleiter, Engelbert Rummel, ist allerdings auch Verwaltungswirt und kein Ingenieur.

Erschwerend im wörtlichsten Sinne kommt hinzu, wie sich später herausstellt: Das eingestürzte Kölner Stadtarchiv stand nicht auf einer Liste von besonders gefährdeten Gebäuden entlang der Kölner U-Bahn-Trasse. Das berichtet die in Düsseldorf erscheinende Zeitung RHEINISCHE POST (Mittwochausgabe 25.03.09) unter Berufung auf Ermittlerkreise. Auf der Liste seien Gebäude aufgeführt worden, für die spezielle Setzungsprognosen angefertigt wurden. Dabei war das sechsgeschossige Hochhaus mit 25 Kilometern vollgestopfte Archivregalen vier Mal so schwer wie ein normales Gebäude.

Dabei empfand es der Journalist Andreas Rossmann in diesem Zusammenhang bereits in einem am 10.03.09 verfassten Artikel als alarmierend dass immer der Eindruck vermittelt wurde, es handle sich bei dem „Gutachten“ um eine „substantielle, verlässliche Überprüfung, die für die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen Verbindlichkeit beanspruchen kann. Stattdessen hat die Stadt für ihr Schatzhaus einem Gutachten vertraut, wie es für eine Garage angemessen erscheint. In Auftrag gegeben wurde es wohl vor allem, um spätere Regressansprüche geltend machen zu können, und so bezog es sich erst gar nicht auf die geophysikalischen Strukturen unter dem Fundament des Gebäudes, sondern allein auf dessen Statik.“ (FAZ vom 11.03.09)

Jürgen Fenske, Vorstandssprecher der KVB, in der Ratssitzung am 11.03.09:

Die geologische Situation war insbesondere hier, aber auch an allen anderen Abschnitten der Nord-Süd-Stadtbahn bekannt. Alle notwendigen Bodengutachten - zwei wurden während der Planungsphase erstellt - wurden dazu erstellt.


Einen Monat nach Erstellung des „Gutachtens“, am 3. Februar 2009, ist einem städtischen Mitarbeiter bei der gemeinsamen Baubesprechung aufgefallen, dass trotz mehrfacher Aufforderung keine Ergebnisse von Kontrollmessungen am Historischen Archiv geliefert worden waren. Bei diesen Kontrollmessungen ging es um den Abgleich mit den sogenannten Nullmessungen aus dem Jahr 2002, dem Ausgangspunkt für die späteren Kontrollen, die die KVB mit privaten Vermessern durchführen wollte.
Der Mann habe, so Wirtschaftsdezernent Norbert Walter-Borjans, zitiert nach Kölner Stadtanzeiger vom 20.03.09, zwei Tage später eigene Messungen am Gebäude durchgeführt und diese der KVB mitgeteilt. Dort habe man ihn wiederum darüber informiert, dass am 4. Februar, auch die von der KVB beauftragten Vermesser aktiv geworden seien. Der Beamte der Stadtverwaltung hat seine Verantwortung ernst genommen und die Ergebnisse der beiden Messungen vom 3. und 4. Februar miteinander verglichen. Seine Feststellung: Das Historische Archiv ist allein in den 24 Stunden zwischen dem 4. und 5. Februar um sieben Millimeter gesackt.
Diese Daten finden sich laut Kölner Stadt-Anzeiger auch in den Protokollen der Baustellenbesprechungen vom 17. Februar und 3. März wieder, dem Tag der Katastrophe. Scheinbar sah niemand hierin einen Anlass zum Handeln.

Fragwürdige technische Kompetenz

Welche technische Kompetenz bringt die KVB für den Bau einer U-Bahn mit?

Im Juni 2008 beklagte der Diplom-Ingenieur Peter Jacobs, Fachbereichsleiter der KVB, auf einem Kolloquium den massiven Einfluss der Politik und sagte, dass die „technische Kompetenz bei den Entscheidern - insbesondere auf der Ebene der Vorstände oder Geschäftsführer - vielfach nicht mehr vorhanden“ sei. So berichtet die Süddeutsche Zeitung am 18.03.2009 und zitiert den Ingenieur weiter mit der Aussage, es herrsche „wesentlich höhere Wertschätzung“ von Kaufleuten und Juristen, weil „deren Aussagen zumeist nicht durch technische Detailkenntnisse getrübt sind“. Ob Jacobs dabei sein eigenes Unternehmen im Blick hatte, wollte er auf Anfrage der Zeitung nicht kommentieren.

Der Kölner Stadtanzeiger vom 31.03.2009 zitiert das CDU-Ratsmitglied Lothar Theodor Lemper zum KVB-Technikvorstand Walter Reinarz, der am selben Tag vom Aufsichtsrat der KVB trotz massiver Kritik in Presse und Öffentlichkeit in seinem Amt bestätigt wurde: „Als Technik-Vorstand ist er unmittelbar verantwortlich. Er ist nicht wegen ausgewiesener technischer Fähigkeiten zu dem Posten gekommen, sondern vor allem wegen seines Parteibuchs.”

Prüfungen nach falscher Bauwerksklasse?

Peter Dübbert, der Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW, wird von der Süddeutschen Zeitung mit der Aussage zitiert, er könne „nicht begreifen“, dass „solch höchst sensible und sicherheitsrelevante“ Arbeiten wie die technische Prüfung des U-Bahn-Bauvorhabens nach Billigstgeboten vergeben werden. Die Kalkulation des beauftragten Prüf-Ingenieurs sei „nach einer deutlich zu niedrigen Bauwerksklasse“ erfolgt. Damit sei der Kölner U-Bahnbau „wie eine Doppelgarage in einem Hinterhof“ bewertet worden.

Gedeckelte Budgets für Gutachten?

Heinrich Bökamp, beratender Ingenieur und Vizepräsident der Ingenieurkammer Bau NRW, zum selben Thema: „Der Aufwand und die Kosten für ein Gutachten lassen sich nicht im Vorhinein festlegen, je geringer das Budget, desto schmaler muss das Ergebnis ausfallen. Mit Beratungen werden Leistungen eingekauft, die ein stufenweises Abarbeiten erfordern, während dem sich der Aufwand erst herausstellt. Der Kaufmann, der heute das Bauwesen fast ausschließlich bestimmt, aber kann nicht mit einer offenen Kostengröße operieren, er möchte sie im Vorfeld bestimmt und kalkuliert haben. Die Folge ist, dass auch für gutachterliche Tätigkeiten die Budgets gedeckelt werden.“ Zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Undurchsichtige Strukturen und Weigerung, Verantwortung zu übernehmen

Eigentümerin des Stadtarchivs ist die Stadt Köln, vertreten durch „die Gebäudewirtschaft der Stadt Köln“, wie es in den Medien immer wieder heißt. Der „Gebäudewirtschaft der Stadt Köln“ käme demnach die Sorgfaltspflicht für das Gebäude zu. Wer aber ist die Gebäudewirtschaft? In der Liste der Ämter und Dezernate taucht diese Einrichtung nicht auf. Ebensowenig in dem Beteiligungsbericht der Stadt, in dem alle städtischen Gesellschaften aufgeführt sind, oder in der Liste der Eigenbetriebe. Mit Mühe findet man Hinweise auf die „eigenbetriebsähnliche Einrichtung Gebäudewirtschaft der Stadt Köln“. Wer diese kontrolliert und welcher Qualifikation ihr Leiter Engelbert Rummel sein Amt zu verdanken hat, ist dem Bürger nicht ersichtlich.

Genausowenig ist transparent, welche Aufsichtsaufgaben die Stadt beim U-Bahnbau hätte wahrnehmen müssen.

In der WDR-Sendung WDR-Sendung „Die Story – Von Trümmern und Täuschungen“ vom 04.05.09 hieß es dazu:
„Uns liegt der interne Vertrag zwischen Stadt und KVB vor. Darin steht, dass
Bauaufsicht und Planung von der Stadt auf eine neue, noch zu gründende
Gesellschaft der KVB übertragen werden sollen.
Doch diese Gesellschaft wurde nie gegründet. Im Vertrag heißt es dann:
Bis zur Gründung der Fahrweggesellschaft Köln/Bonn mbH beauftragt die
KVB die Stadt Köln –Amt für Brücken und Stadtbahnbau – mit den Aufgaben.

Unterschrieben wurde der Vertrag am 17.Juli 2002 von - Oberbürgermeister Fritz Schramma.
Wir fragen noch mal bei der Stadt nach. Ein Interview bekommen wir auch zu dieser Frage nicht.
Schriftlich wird mitgeteilt: Die KVB habe die „Bauüberwachung mit eigenem Personal selbst wahrgenommen“. Allerdings: Dafür existiert keine vertragliche Grundlage.“

Für Oberbürgermeister Fritz Schramma aber ist seine Zuständigkeit für den U-Bahnbau nach den Worten der Süddeutsche Zeitung vom 30.03.09 „so weit entfernt wie die Erde vom Mond“. Die Zeitung zitiert den OB: „Ich habe diese Dinge nicht in Verantwortung. Wir haben hier eine Verantwortungsteilung. Ich bin für die Menschen dieser Stadt der Kümmerer.“

Noch in der Erklärung seines Verzichts auf eine ohnehin wohl aussichtslos gewordene Kandidatur verweigert OB Fritz Schramma die Übernahme jeglicher politischer Verantwortung für das, was unter seiner Führung in Rat und Verwaltung möglich wurde. Stattdessen bekräftigt er seinen Anspruch, weiter Führungsaufgaben wahrzunehmen:
„Ich werde bis zum 20. Oktober dieses Jahres meiner mir von den Kölnerinnen und Kölnern übertragenen Verantwortung nachkommen… Denn es gibt noch so viele Dinge zu tun, so viele Entscheidungen zu fällen, auch solche, die ins nächste und übernächste Jahrzehnt hineinreichen.“
(Erklärung des Oberbürgermeisters Fritz Schramma am Sonntag, 29.03.2009 um 14.00 Uhr im Historischen Rathaus)

Prompt folgen andere dem Beispiel und weigern sich ebenfalls, Verantwortung zu übernehmen. Am 31.3.09 meldet der Kölner Stadtanzeiger:
KVB-Vorstand Walter Reinarz bleibt im Amt. Der Aufsichtsrat sprach sich in seiner heutigen Sitzung mehrheitlich gegen eine Abberufung des Technischen Vorstandes aus. Reinarz war in die Kritik geraten war, weil er Informationen über Grundwasserprobleme in der Unglücksbaugrube am Waidmarkt nicht weitergegeben hatte. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ lehnte der Aufsichtsrat einen Antrag auf Abberufung von Reinarz mit 14 zu 5 Stimmen ab. Es ist davon auszugehen, dass die fünf Vertreter von SPD, Grünen und Linkspartei gegen Reinarz gestimmt haben. Ein CDU-Politiker soll sich dem Vernehmen nach enthalten, Baudezernent Bernd Streitberger für Reinarz gestimmt haben - ebenso wie alle zehn Arbeitnehmer.

Ohne uns an den Spekulationen des Kölner Stadtanzeiger beteiligen zu wollen: Die acht politischen Vertreter im Aufsichtsrat der KVB sind Johannes-Werner Hamm (CDU), Christtraut Kirchmeyer (FDP), Peter Kron (SPD), Gisela Manderla (CDU), Karsten Möring (CDU), Bettina Tull (Bündnis 90/Die Grünen), Michael Weisenstein (Die Linke.Köln) und Michael Zimmermann (SPD). Mindestens drei von ihnen müssen dem Antrag auf Abberufung von Herrn Reinartz die Zustimmung verweigert haben.

Abgabe kommunaler Kontrolle über Aufgaben des Gemeinwesens

Bleibt abschließend eine grundsätzliche Frage aufzugreifen, die Andreas Rossmann in der FAZ 17.04.09 aufwirft:
Wie andere Großstädte auch hat die Kommune, um die Verwaltung zu „verschlanken“, hoheitliche Aufgaben, die sie früher selbst wahrgenommen hat, ausgegliedert und so 2002 den Stadtbahn-Bau aus der eigenen Verantwortung in die der Stadttochter KVB, einer Aktiengesellschaft, überführt.
Was bis dahin das Amt für Brücken und Stadtbahnbau von der Bauentwicklung über die Planung bis zur Bauüberwachung betreut hatte, wurde einem Unternehmen anvertraut, das dafür selbst keine eigene Kompetenz mitbrachte und die verschiedenen Arbeitsvorgänge parzelliert, nach außen vergeben, privatisiert, verrechtlicht und mit dem Zuständigkeiten auch die Verantwortlichkeiten delegiert hat. Haben die KVB, und das scheint das Kompetenzgewirr, das die Aufklärungsversuche des Unglückes offenbaren, spiegelbildlich zu bestätigen, dabei den Überblick verloren, so dass sich womöglich Zuständigkeits-, Sicherheits- und Verantwortungslücken aufgetan haben? Ist die Köln Katastrophe auch Folge von Outsourcing und Deregulierung? Fragen, die über Köln hinaus und auf die Organisation unseres Gemeinwesens weisen.

Köln, den 28.08.2009, Frank Deja

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